Die mündliche Prüfung: Vorbereitung auf den Vortrag
Im folgenden Artikel will ich meine Erfahrungen bei der Vorbereitung auf den Vortrag in der mündlichen Prüfung im ersten juristischen Staatsexamen weitergeben. Natürlich kann man bei jedem Tipp auch wieder anderer Ansicht sein, ich denke aber, dass meine Ratschläge der hM entsprechen dürften.
1. Gründet eine Lerngruppe für das Vortragstraining!
Ja ja, ich weiß. Das mit der Lerngruppe kennt ihr schon und habt es mindestens schon hundertmal gehört. Aber ich rufe es gerne nochmal ins Gedächtnis: Nichts ist wichtiger als eine gute Lerngruppe. Dies gilt beim Vortrag noch viel mehr als sonst, denn irgendwie muss man die Vortragssituation simulieren.
Die meisten von uns sind noch nicht gerade rhetorisch erfahren, sodass ein regelmäßiges Training unverzichtbar ist, um die nötige Sicherheit zu gewinnen. Auch andere Fähigkeiten erwirbt man hierdurch wie von selbst, z.B. ein souveränes Timing. Es ist wichtig, die Vortragszeit möglicht auszuschöpfen (z.B. 10 von 12 Minuten) ohne in die Gefahr eines Überziehens zu kommen, denn dann wird idR wirklich gnadenlos die Uhr angehalten und Euer Vortrag unterbrochen.
2. Verschiebt das Kuscheln auf die Zeit nach der Lerngruppe!
Kuscheln und Schmusen kann Spaß machen, das will ich nicht abstreiten. Im Rahmen der Lerngruppe ist es aber nicht zweckdienlich: Kuschel-Lerngruppen sind verschwendete Zeit! Wenn Ihr eine Lerngruppe habt, dann versucht die Prüfungssituation so realistisch wie möglich darzustellen. Keine großen Nettigkeiten verteilen. Keine gemütliche Couch-Lerngruppe. Setzt euch gegenüber an einen Tisch (also zumindest in NRW muss man den Vortrag im Sitzen halten) und legt los. Keiner hat etwas davon, wenn er sich erst ca. 1 Stunde auf den Vortrag vorbereitet, Ihn dann hält, um dann schließlich von allen Seiten nur Lob zu bekommen.
“Du hast das schon echt gut gemacht.” “Also ich würde dir mindestens 15 Punkte dafür geben.” Solche Kommentare braucht kein Mensch! Wenn Ihr Euch nicht kritisiert, wird keiner besser. Also geht ganz genau und pingelig darauf ein, ob jemand immer “ähhm” sagt, eine nervöses Zucken hat, auf den Boden schaut, unstrukturiert redet, zu schnell redet, unverständlich redet, usw. Keiner ist perfekt! Also nehmt die Kritik dankend an und versucht den Vortrag direkt noch einmal ohne “ähhhmmm” und Nasebohren.
3. Schaut Euch Vorträge an!
Also mir hat das geholfen. Überlegt wirklich kritisch, was die Leute vorne richtig machen und was nicht. Schreibt euch nur das Wichtigste auf. Diese Liste dann aber bitte akribisch abarbeiten und in der Lerngruppe umsetzen. Fragt die Prüflinge vielleicht nach Ihren Noten, wenn Ihr Sie vorm OLG wiedertrefft und was den Prüfern gerade nicht gefallen hat, man kriegt nämlich idR von der Prüfungskommission ein ausführliches Feedback zum Vortrag.
4. Was kommt dran?
Leider kann die Antwort mal wieder heißen: alles! Dennoch würde ich hier einen Tipp mit auf den Weg geben wollen. In vielen Büchern und Hinweisen für die mündliche Prüfung wird immer wieder darauf hingewiesen, dass häufig Themenvorträge drankommen würden und keine “normalen” Fälle/Sachverhalte. Also ich würde das nicht überschätzen. Natürlich kann es sein, dass beim Grundgesetz-Jubiläum mal ein Prüfer auf die Idee kommt hierzu ein Vortragsthema zu ersinnen. Das ist aber meines Erachtens die absolute Ausnahme. In Eurer Lerngruppe könnt Ihr ja mal einen Themenvortrag halten, aber konzentriert Euch eher auf Fälle.
5. Wie präsentiere ich einen Fall?
Da also in der Regel ein Fall drankommt, stellt sich die Frage, ob es hier Abweichungen zum üblichen Gutachtenstil im schriftlichen Teil gibt. Ich würde sagen, dass man zwar grundsätzlich beim Gutachtenstil bleiben sollte, jedoch noch viel deutlicher Schwerpunkte setzen muss, sonst wird das schon in zeitlicher Hinsicht eng. Auch können einleitende Floskeln wie “und hier liegt nun ein erster Problemschwerpunkt” hilfreich sein, um die Zuhörer/Prüfer gedanklich “mitzunehmen” und dem eigenen Vortrag Struktur zu geben. Statt dem üblichen Gutachten-Schlusssatz bietet sich ein kleines Résumé/Fazit an.
Um eine klare Struktur zu haben, sollten natürlich auch Eure Notizen bzw. die Lösungsskizze gut strukturiert sein.
6. Legt euch Standardsätze zurecht!
Es ist wirklich sinnvoll, sich einige Standardsätze zurecht zu legen. Dies gibt Euch enorm Sicherheit in der entscheidenden Prüfungssituation. Am Besten wäre natürlich, wenn Ihr Euch die Sätze schon für die Lerngruppe zurecht legt. Vor allem eine einleitende Begrüßung solltet Ihr im Schlaf können. Als Anrede bietet sich “Sehr geehrte Prüfungskommission” an. Nicht empfehlenswert ist “Sehr geehrte Damen und Herren”, da nämlich ggf. nur eine oder gar keine Dame dabei ist. Bitte spart Euch pompöse Sätze (folgendes habe ich wirklich miterlebt: “Sehr geehrte Damen und Herren. Herzlich willkommen zu meinem Vortrag auf dem Gebiet des Gesellschaftrechts, mit Bezügen zum Handelsrecht.” Dieser Typ ist mit 4,0 nach Hause gegangen!).
7. Rhetorische Tipps
Viele Tipps dürften selbstverständlich sein, achtet aber in der Lerngruppe (wo sonst?) trotzdem auf Ihre Einhaltung!
- kein “ähm”, kein “äh”, das darf nur Boris Becker
- Hände aus den Taschen!
- unterstützende Gestik ist erlaubt (das ist schon umstritten), aber bitte nicht too much, denn Ihr seid noch nicht Barack Obama!
- Schaut alle Prüfer gelegentlich an
- nicht aus dem Fenster schauen, nicht auf den Boden schauen
- laut und deutlich sprechen, aber nicht schreien
- laaaangsam sprechen! Warum? Weil Euer Gehirn wegen der Aufregung nicht richtig funktioniert! Jeder Musiker kennt das Problem: Man denkt, man würde furchtbar langsam spielen, in Wirklichkeit spielt man aber schon schneller als bei den Proben. Das gilt auch fürs Reden.
- Struktur, Struktur, Struktur: Klare Obersätze, Zwischenfazits, einleitende Sätze, überleitende Sätze, Problemschwerpunkte kennzeichnen
- selbstbewusst auftreten, aber nicht überheblich (s.o.)
- sachlicher Stil, keine Gags erzwingen
- gerade Haltung, gleichwohl nicht verkrampft
Noch ein Tipp zur Vorbereitung auf die mündliche Prüfung: Für das Prüfungsgespräch gibt es einen Karteikartensatz mit 400 klassischen Fragen für die mündliche Prüfung im 1. Jura Staatsexamen von Dr. Gerrit Forst. Weitere Infos
Bitte gebt mir ein Feedback über Eure Erfahrungen. Ich bin gerne bereit, meine Tipps zu korrigieren oder zu ergänzen.
Wenn ihr Zeit habt, solltet ihr mit der Lerngruppe nicht nur den Vortrag, sondern auch die Prüfungssituation simulieren.
